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WHO: Jeder Fünfte ist nachts gesundheits­gefährdenden Lärm ausgesetzt
<2011-04-14>
Die WHO fordert die Einhaltung eines Grenzwertes von max. 40 Dezibel (dB), der in der Nacht im Jahresdurchschnitt zum Schutz der Gesundheit nicht überschritten werden darf.

WHO führt Leitlinien zum Schutz der Bevölkerung vor nächtlicher Lärmbelastung ein

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bilanziert Gesundheitsrisiken infolge nächtlichem Lärms und empfiehlt einen neuen Richtwert für den Schutz der Gesundheit.

Die WHO fordert die Einhaltung eines Grenzwertes von max. 40 Dezibel (dB), der in der Nacht im Jahresdurchschnitt zum Schutz der Gesundheit nicht überschritten werden darf. Das entspricht dem Pegel einer ruhigen Straße in einem Wohngebiet. Wer beim Schlafen während des Jahres einer höheren Lärmbelastung ausgesetzt ist, muß Schlafstörungen oder Schlaflosigkeit und daraus folgende gesundheitliche Schäden befürchten. Eine langfristige Lärmbelastung über einem Dauerschallpegel von 55 dB, was etwa dem Geräuschpegel einer belebten Straße entspricht, bewirkt Bluthochdruck und Herzinfarkte. Jeder fünfte Bürger der Europäischen Region ist regelmäßig einem solchen Lärmpegel ausgesetzt.

„Lärm ist zur häufigsten umweltbedingten Belastung in der Europäischen Region geworden; immer mehr Bürger beklagen sich über Lärmbelästigung. Die neuen Leitlinien der WHO sollen die Gesundheitsfolgen von Lärmbelastung mindern“, erläuterte Dr. Srdan Matic von der WHO. Nach einer über sechs Jahre laufenden wissenschaftlichen Prüfung der Ursächlichkeit von Lärm für Gesundheitsschäden liegt nun eine Rechtfertigung für strenge Grenzwerte gegen nächtliche Lärmbelastung vor. An der Ausarbeitung der Leitlinien waren 35 Wissenschaftler aus den Bereichen Medizin und Akustik sowie eine Reihe maßgeblicher Partner wie die EU-Kommission beteiligt.

Auswirkungen auf die Gesundheit

In neueren Forschungsarbeiten wird nächtliche Lärmbelastung eindeutig mit gesundheitlichen Schäden in Verbindung gebracht. Lärm kann nicht nur Gehörschäden verursachen, sondern auch schwerwiegende Gesundheitsprobleme verschärfen, insbesondere durch seine Auswirkungen auf Schlaf wie auch aufgrund der Zusammenhänge zwischen Schlaf und Gesundheit. Auch wenn Menschen schlafen, reagieren ihre Ohren, ihr Gehirn und ihr Körper trotzdem weiter auf Geräusche. Schlafstörungen und Ärger sind die ersten Auswirkungen nächtlicher Lärmbelästigung und können zu psychischen Störungen führen.

Lärmbelastung kann sogar vorzeitigen Tod zur Folge haben. Nächtliche Lärmbelästigung kann auch dann Bluthochdruck verursachen, wenn die Betroffenen davon nicht aufwachen. Besonders schädlich sind die Auswirkungen von Lärm meist dann, wenn Menschen während des Einschlafens wieder aufwachen. Jüngste Untersuchungen belegen, dass Lärm am frühen Morgen sich durch Beschleunigung der Herzfrequenz besonders schädlich auswirkt.

Besonders gefährdete Gruppen

Bestimmte Gruppen sind für Lärm besonders anfällig. Da Kinder mehr Zeit im Bett verbringen als Erwachsene, sind sie nächtlichem Lärm in verstärktem Maße ausgesetzt. Chronisch Kranke und ältere Menschen sind allgemein anfälliger für Ruhestörung. Schichtarbeiter tragen ein besonders hohes Risiko, da ihre Schlafstruktur gestört ist. Generell sind einkommensschwache Bevölkerungsschichten überproportional betroffen, da sie sich ein Leben in ruhigen Wohngebieten oder ausreichend schallisolierte Wohnungen nicht leisten können. Nächtliche Lärmbelästigung kann eine Erhöhung der Zahl von Arztbesuchen wie auch der Ausgaben für Schlaftabletten zur Folge haben, was sich sowohl auf die Finanzen der Familien als auch auf die Gesundheitsausgaben der Länder auswirkt. Wenn der Staat nichts gegen Lärmbelastung unternimmt, muss mit einer Ausweitung der Kluft zwischen Arm und Reich gerechnet werden.

Grenzwerte für Lärm und Maßnahmen der Länder

Die neue Publikation der WHO enthält sowohl neue Erkenntnisse als auch Empfehlungen, die sich die Länder bei der Einführung konkreter Grenzwerte für Lärm zunutze machen können. Die Leitlinien ergänzen die vor einigen Jahren von der Europäischen Union angenommene Richtlinie über Umgebungslärm; darin werden die Mitgliedstaaten verpflichtet, Lärmkarten zu erstellen und die Lärmbelastung der Bevölkerung zu reduzieren, wobei jedoch auf die Festlegung von Grenzwerten verzichtet wird.

Interventionen, die auf eine Reduzierung der Zahl von Lärmereignissen wie auch des allgemeinen Geräuschpegels abzielen, sind nach Bewertung der WHO das wirksamste Mittel zum Schutz vor erhöhter Lärmbelastung. Die Festlegung von Lärmschutzzonen könne den Planungsbehörden dabei helfen, bestimmte empfindliche Gebiete vor Lärm zu schützen, in dem etwa Verkehr von Krankenhäusern und Schulen ferngehalten wird und Lärmschutzwände errichtet werden. Flächen und Gebäude in belasteten Gebieten sind von einer Wohn- zugunsten einer Büronutzungen umzuwandeln, weil sich dort bei Nacht keine Menschen aufhalten. Bei der Möglichkeit der Schallisolierung von Schlafzimmerfenstern fordert die WHO, dass sich dabei die Innenraumluft nicht verschlechtert.

„Wie Luftverschmutzung und toxische Chemikalien stellt auch Lärmbelastung eine umweltbedingte Gesundheitsgefahr dar. Zwar ist fast jeder von Lärmbelastung betroffen, doch wurde diese bisher immer als unvermeidbare Folge des Stadtlebens angesehen und nicht in demselben Maße ins Visier genommen und bekämpft wie andere Risiken“, lautet das Fazit von Dr. Rokho Kim, der beim WHO-Regionalbüro für Europa für das Projekt zur Erstellung der Leitlinien federführend verantwortlich war. „Wir hoffen, dass die neuen Leitlinien zu einer Kultur des Lärmbewusstseins beitragen und Regierungen und Kommunalbehörden dazu veranlassen, Zeit und Geld in den Schutz der Gesundheit vor dieser besonders in den Städten wachsenden Bedrohung zu investieren.“

Weiterführende Literatur

  1. Night noise guidelines for Europe (Kopenhagen, WHO-Regionalbüro für Europa, 2009
    http://www.euro.who.int/en/what-we-do/health-topics/environmental-health/noise/publications/2009/night-noise-guidelines-for-europe));
    (ersetzen die Guidelines for community noise [dt.: Leitlinien für Umgebungslärm] (Genf, Weltgesundheitsorganisation, 1999
    (http://www.who.int/docstore/peh/noise/guidelines2.html)).

  2. Richtlinie 2002/49/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 25. Juni 2002 über die Bewertung und Bekämpfung von Umgebungslärm
    (http://ec.europa.eu/environment/noise/directive.htm).


Autor: Matthias Möller-Meinecke, Rechtsanwalt, Fachanwalt für Verwaltungsrecht

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